Rücktritte: Interview mit Jérome Ackermann
Jérome hat vor kurzem sein letztes Spiel mit der 1. Mannschaft des FC Mümliswil bestritten. Damit ging nach 18 Jahren in der 1. Mannschaft eine lange Karriere als Fussballer zu Ende. Jérome ist ein Teil der Fussballer-Generation, die den Höhenflug des FC Mümliswil vom Drittligaklub zum angesehenen Zweitligaverein entscheidend mitgestaltet hat. Er kann uns somit aus erster Hand einen Einblick ermitteln.

Web-Team: Was muss man von Dir wissen, was die Leute noch nicht kennen?
Jérome: Wahrscheinlich wissen die meisten Fussballinteressierten, dass ich beruflich als Lehrperson tätig bin. Es gibt dabei Parallelen zum Fussball: Während ich beim «Tschutte» nur den FCM kenne, ist es so, dass ich meine ganze berufliche Laufbahn in der Gemeinde Zuchwil bestritten habe. Beim FCM habe ich verschiedene Rollen innegehabt, sei es als Junior- oder als Aktivspieler, als Hauptleiter des Junior*innen-Lagers oder als Trainer von Juniorinnen- und Junioren-Teams. In den Schulen Zuchwils ist es ähnlich. Während zwölf Jahren war ich Klassenlehrer auf der Stufe 5./6. Klasse, zusätzlich habe ich über lange Zeit Studierende betreut, bin seit sechs Jahren als Stellvertreter der Schulleitung im Schulhaus Blumenfeld tätig und seit zwei Jahren habe ich die Funktion als Schulischer Heilpädagoge inne. Wenn alles wie geplant funktioniert hat, werde ich in den nächsten Wochen erfahren, dass ich das Masterstudium dazu erfolgreich abgeschlossen habe.
Wie war dein fussballerischer Werdegang?
Jérome: Ich habe durchgehend beim FCM gespielt. In der Juniorenzeit habe ich zum Teil von Gruppierungen profitiert, in welchen der FCM involviert war. Vereinzelt habe ich zudem in Solothurner Auswahlen geschnuppert. Die Aktivzeit habe ich ausschliesslich in der 1. Mannschaft des FCM verbracht.
Wie kamst Du überhaupt zum Fussballspielen?
Jérome: In unserer Primarschulklasse sowie im Jahrgang unterhalb gab es viele Fussballverrückte wie etwa Müller Manuel, Bürgi Remo, Albani Claudio, Kohler David, Büttler Simon und Frei Andy. Mir fiel der Einstieg nicht leicht, da ich schon als Kind eher scheu und zurückhaltend war. Ins erste Training in der Turnhalle Rank ging ich, weil mir Remo – so meine ich mich zu erinnern – gesagt hat, dass es sich doch anbieten würde, direkt nach dem Elterngespräch ins Training zu kommen. Ich liess mich überzeugen – allerdings habe ich während dieses Trainings nicht mit dem Team gespielt, sondern verbrachte vor lauter Aufregung die ganze Zeit kickend mit meinem Vater.
Wie war dein Einstieg in die 1. Mannschaft mit 17 Jahren?
Jérome: Im Vergleich zu den Einstiegen, welche die jungen Fussballer heute beim FCM erleben, war derjenige des Jahrgangs 1987 speziell. Wir kamen in ein Team, in welchem ein paar Junge (z. B. die Gebrüder Müller und Mandir) sowie viele ältere Routiniers spielten (z. B. Ackermann Jörg, Mengisen Peter, Heutschi André). Ein Jahr später haben mehr oder weniger alle vorherigen Eis-Spieler aufgehört oder den Verein gewechselt. Es wurde zur Aufgabe von uns ganz Jungen, mit dem Eis des FCM den Ligaerhalt in der 3. Liga zu schaffen.
Welche schönen Erinnerungen hast Du an deine aktive Zeit als Fussballer?
Jérome: Endlos viele – ansonsten hätte ich nicht derart lange gespielt.
Ich durfte während über 15 Jahren das Hobby mit meinem Bruder Nicola teilen. Dabei wurden wir von der Familie begleitet, sei es, weil George als Teambetreuer mitgeholfen hat oder weil beide Elternteile, die Schwester und zuletzt die Neffen vielen Spielen interessiert als Fans beigewohnt haben.
Ich mochte es, im Team fussballerisch Verantwortung zu übernehmen. Bereits im Jahr 2005 habe ich mit 18 Jahren das Eis als Captain anführen dürfen. Später konnte ich während vielen Jahren im Captain-Team sowie im Mannschaftsrat mithelfen. Dies hat mir stets zugesagt. Während ich neben dem Platz sicherlich zu den ruhigeren Spielern gehöre, war es mir immer ein Anliegen, auf dem Platz, in den Trainings und in den Teambesprechungen meine Ansichten und Ideen einzubringen.
Als Eis-Spieler reichte es leider nie für ein Trainingslager, da ich als Lehrer jeweils Unterricht gehabt hatte. Zweimal habe ich ein Gesuch um unbezahlten Urlaub eingereicht, zweimal hätte es geklappt: Einmal kam jedoch das Lager nicht zustande, da es zu wenige Anmeldungen gab, und einmal kam uns die Corona-Situation in die Quere. Umso mehr genoss ich die Lager der Junior*innen – sei es als Junior selbst oder als Lagerleiter – oder Trainingsweekends im Tessin oder in Engelberg.
Wenn meine Schüler*innen oder Lehrpersonen aus dem Team gefragt haben, wie ich als Fussballer auf dem Feld bin, habe ich stets davon berichtet, dass mir mein Hobby als wichtiger Ausgleich dient. Im Arbeitsalltag in der Schule bin ich geduldig und trete ruhig sowie bedacht auf. Auf dem Platz konnte ich meine Emotionen «rauslassen», es war ein geniales Ventil. Dabei gelang es mir mehrheitlich, nicht zu übertreiben. In meiner ganzen Karriere habe ich keine Rote Karte erhalten und eine Gelbsperre habe ich auch nie verbüssen müssen.
Als schön erachte ich die erlebte fussballerische Entwicklung der 1. Mannschaft des FCM. Als kleines Muster dazu dient dies: Zu Beginn meiner Eis-Karriere habe ich jahrelang im zentralen Mittelfeld gespielt. Trotzdem gab es Situationen, in welchen ich gemäss Trainer-Anweisung die Torwartabschläge ausführen und dann möglichst schnell in meine angestammte Position sprinten musste. Unter Ernst, Bruno oder Remo wäre dies unvorstellbar gewesen: Unsere Goalies spielten als erste Feldspieler mit, das Spiel wurde möglichst von hinten aufgebaut und unsere Zentrumspieler waren technisch derart stark, dass sie auch mit Gegnern in der Nähe den Ball verlangt und erhalten haben. Grundsätzlich ist es so, dass der heutige Eis-Spieler des FCM im Durchschnitt technisch deutlich weiter ist als zu Beginn meiner Karriere. Hinsichtlich des Bisses und des Kampfgeistes waren aber meine ersten Eis-Mitspieler absolute Vorbilder.
Gab es in deiner langen Karriere auch Rückschläge?
Jérome: Diese gab es. Am 23.9.2006 hat Nicola als Fünfzehnjähriger in Hägendorf spät in der Partie sein erstes Tor erzielt. Es war das entscheidende Goal zum 1:2-Auswärtserfolg. Die Freude war riesig. Kurz darauf erlitt ich ohne direkte Einwirkung eines Gegenspielers meine erste grosse Verletzung. Es knallte, ich verspürte wahnsinnige Schmerzen und hatte das Gefühl, mein Knie sei gebrochen. Es stellte sich heraus, dass das vordere Kreuzband gerissen war und der Meniskus in Mitleidenschaft gezogen worden war. Diese Verletzung wurde konservativ therapiert – leider ohne Erfolg. Im Frühling des Folgejahres knallte es in meinem zweiten Spiel noch einmal. Danach folgten eine Operation und ein mühseliger Weg zurück. Da die Genesung nicht wie erwünscht verlief, war ein zweite, nun minimal-invasive Operation nötig. Rund 13 Monate nach dem zweiten Kreuzbandriss konnte ich mein Comeback geben. Ab dann war das Knieleiden «Geschichte» – viele Stimmen behaupten, seither wäre ich bezüglich der harten Zweikampfführung noch deutlich zurückhaltender als zuvor.
Ein Highlight meiner Karriere war das erlebte Cupfinale in und gegen den SC Fulenbach. Obwohl es nicht zum Cupsieg reichte, verbleibt mir dieses spannende Finale in guter Erinnerung. Drei Tage danach kugelte ich mir im Spiel gegen den FC Deitingen, als ich tatsächlich einmal eine echte Grätsche auspackte, die Schulter aus. Dies führte dazu, dass ich die unglaublich dramatischen, aber schlussendlich erfolgreichen Aufstiegsspiele als Zuschauer erlebte und nicht selbst ins Spielgeschehen eingreifen konnte. Aus persönlicher Sicht war dieser Umstand enttäuschend und nur schwer zu verdauen. Trotz dieser Besonderheit war dieser Aufstieg ein absolutes Highlight der ganzen Laufbahn. Nach drei Saisons, in welchen wir die Aufstiegsspiele als jeweils Drittplatzierte knapp verpasst hatten, war das Glück auf unserer Seite und wir konnten das Abenteuer 2. Liga endlich in Angriff nehmen.
An welche Mitspieler erinnerst Du dich gerne?
Jérome: An nahezu alle – ich habe mit ganz unterschiedlichen Charakteren und ganz unterschiedlich talentierten Fussballern Fussball spielen dürfen.
Ich kann mich erinnern, dass ich in meinen ersten Eis-Trainings auf Marcel Ambühl getroffen bin. Knapp zwei Jahrzehnte später spielte ich mit seinem Sohn Fabrice im Team. Spannend war es, mit den Supertechnikern Josip und Mando Mandir zu kicken. Sie stachen im damaligen Eins extrem hervor. Bezüglich des unbändigen Willens konnte ich von Spielern wie Manuel Müller, Jörg Ackermann oder Simon Büttler profitieren. Ein unglaubliches Auge hatte die frühere Nummer 10, Mengisen Peter. Interessant war das Engagement von Maxim Shcherbin, der auf einem ganz anderen Niveau spielte. Erfreulich war das Zusammenspielen mit Bozo Krizanovic. Er war ein echter Knipser, der über viele Jahre hinweg Tore im zweistelligen Bereich erzielt hat. Speziell war es, ganz am Schluss mit Janick Kamber auf dem Platz zu stehen, den ich viele Jahre zuvor ab und an als Juniorentrainer betreut habe. Daneben gibt es viele langjährige Fussballgefährten, welche mir in positivster Erinnerung bleiben und mit welchen ich jahrelang um Siege und Punkte gekämpft habe.
Welches waren deine Trainer? Was hast Du von ihnen mitgenommen?
Jérome: Ich habe viele verschiedene Trainer erlebt und bin allen dankbar dafür, dass sie die Zeit, die Energie und die Geduld investiert haben, um uns als Junioren oder als Aktivspieler weiterzubringen. Bei den Junioren habe ich insbesondere von Bürgi Martin, Ernst Frei und Pascuale Quaglietta profitiert. In der Aktivzeit begann es mit Marius Ackermann, der mir als grosser Motivator und mit seinem Spezialdrink in Erinnerung bleibt. Salvatore Blandini hat neuen Schwung ins Team gebracht, es unter uns Jungspunden allerdings nicht einfach gehabt. Von Ernst Frei habe ich fussballerisch sowie taktisch viel gelernt. "Ändu" Schneeberger war mit seiner umgänglichen und kollegialen Art wichtig für den Teamspirit. Unter Bruno Kaufmann wehte ein neuer Wind, es gelangen Schritte, welche an seinen Profi-Hintergrund erinnerten. Die letzten Jahre unter Remo Bürgi waren wiederum etwas ganz Neues, da plötzlich ein guter Freund als Trainer fungierte. Bei ihm stach für mich vor allem die rege und zielorientierte Kommunikation hervor.
Was machst Du jetzt mit so viel (neuer) Freizeit?
Jérome: Die zusätzliche freie Zeit direkt nach dem Karriereende war für mich wichtig, da der Abschluss der Masterarbeit anstand. Jetzt geniesse ich es, freie Abende zu haben, welche ich nach Lust und Laune mit der Familie verbringen kann oder mit Sport, beruflichen Aufgaben oder persönlichen Interessen «füllen» darf.
Wie geht es mit Mümliswil 1 ohne Dich weiter?
Jérome: Ich bin gespannt, wie sich das Eis unter Salvatore Albanese und in der neuen Konstellation entwickeln und zeigen wird. Zudem freue ich mich sehr darauf, die Meisterschafts- und Cupspiele als Zuschauer zu verfolgen und die neuen Entwicklungen auf und neben dem Platz zu erleben, denn das fussballerische Potenzial ist mit Blick auf die kommenden Jahre weiterhin gross.
„In der Kürze liegt die Würze“
Mein Lieblingsverein ist… Ich unterstütze nahezu in jeder grossen Liga einen Club. Diese kunterbunte Mischung führt bei vielen zu einem Kopfschütteln.
Mümliswil 1 wird die nächste Saison auf dem 4. Rang abschliessen.
Weltmeister 2022 wird… Frankreich.
Der FC Mümliswil ist ein Verein mit einer langen Geschichte, in welchem alle Beteiligten wertvolle und für das Leben prägende Erlebnisse sammeln dürfen. Es gilt allen ein herzliches Dankeschön, welche dies mit viel Elan und Engagement ermöglichen.
Jérome, ganz herzlichen Dank für das Interview. Wir wünschen Dir privat alles Gute und hoffen, Dich ab und zu wieder auf dem Fussballplatz begrüssen zu können.













